|
von Manfred Giebing, Norken
Allgemeines
Als einziger Großvogel hat sich der Weißstorch, auch Adebar genannt, wie der Sperling und die Taube, dem Menschen angeschlossen. In vielen Gegenden galt er als Glücksvogel. Ein Storchennest auf dem Dach schützte vor Feuer und Blitzschlag.
Viele Jahrhunderte brachte der Klapperstorch die kleinen Kinder. Der Weißstorch ist auch der Wappenvogel des Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU). Kennzeichen
Der Weißstorch gehört mit zu den bekanntesten Vögeln. Er ist mit 102 Zentimeter Länge ein großer, weißer Stelzvogel mit schwarzen Schwungfedern. Seine Spannweite liegt bei 200 Zentimetern. Schnabel und Beine sind bei jungen Störchen anfangs schwärzlich, später rötlichbraun mit schwarzer Spitze und rötlichen Beinen. Im Gegensatz zu Reihern fliegt er mit ausgestrecktem und nach unten durchgedrücktem Hals. Auf dem Zug hält er nicht wie der Kranich eine Ordnung ein. Von großen Greifvögeln ist er durch den langen Hals und den langen Beinen erkennbar. Zum Ausruhen und Entspannen steht er auf einem Bein und verwirft die These des Volksmundes »Auf einem Bein kann man nicht stehen«. Bestandsrückgang
Als ursprünglicher Baum- und Felsbrüter passte er sich unseren »Kulturfelsen« wie Fabrikschornsteine, nicht zu steile Dächer oder Türme an. Auch bot ihm der Mensch künstliche Nisthilfen an, die ohne Problem von ihm bebaut wurden. Aber immer mehr Nester bleiben unbewohnt. Warum ist das so? Ganz einfach. Was nützt ihm der größte und befestigste Horst, wenn er nicht weiß, wie er sich und seine Familie satt bekommen soll. Hier liegt einer der Hauptgründe für sein Fernbleiben. Seit Jahrzehnten wird unsere Landwirtschaft immer intensiver und technisierter. Feuchtwiesen, wo der Weißstorch früher seine Nahrung, also Frösche und Insekten suchte, mussten dem Anbau von Futter und Getreide weichen. Hinzu kommt auch noch die Chemie, welche seine Nahrung vergiftet. Weiterhin werden Tümpel zugeschüttet und Flüsse eingebettet. Ein weiterer Grund dürfte die Verdrahtung der Landschaft durch Elektro- und Postunternehmen sein.. So sind in Deutschland 60 bis 70 Prozent der Todesfälle beim Weißstorch auf Stromtod beziehungsweise auf Anflug an Leitungen zurückzuführen. Der Zug in die überwinterungsgebiete
Im August brechen die europäischen Weißstörche zu ihren Winterquartieren auf. Da sie sich scheuen das Mittelmeer, welches keine Aufwinde zum Segeln bietet zu überfliegen, umgehen sie es indem sie auf 2 verschiedenen Routen ziehen. Eine Zugscheide verläuft von den Niederlanden über den Harz zum Alpenfuß. Die Weststörche ziehen über Frankreich, Spanien und Gibraltar nach Westafrika. Die Oststörche dagegen über die Türkei, den Bosporus, den Libanon und ägypten zum Sudan und Kapland. Jahr für Jahr versammeln sich Ornithologen an diesen Meeresengen um das Schauspiel von Zigtausenden von Störchen und Greifvögeln beim Verlassen Europas zu beobachten. Wer von den Weißstörchen auf dem Zug in die Winterquartiere besonders in den arabischen Ländern, nicht abgeschossen wird, muss damit rechnen, dass er mit der Nahrung Biozide zu sich nimmt, welches gerade in den Ländern wo Insekten wie Heuschrecken oder Heerwurm u. a. massenhaft auftreten, gespritzt wird. Dieses wirkt sich auch auf die später gelegten Eier aus. Sie sind dann unbefruchtet oder die Embryonen sterben ab. Fortpflanzung
Im März bis April kehren die Störche zu uns zurück. Zuerst das Männchen und etwas später das Weibchen. Nicht die Treue zum Partner, sondern die Nistplatztreue führt die Partner zusammen. Diese Treue kann sie Jahr für Jahr zusammenführen und aus einer Saisonehe kann so eine Dauerehe von 20 Jahren und mehr werden. Viele Störche brüten im 5. Jahr zum ersten Mal, aber einzelne haben mit 20 Jahren noch nie gebrütet. Nistbrüter können als Störenfriede auftreten. Balz, Paarung
Die Begrüßung nach dem Eintreffen aus den überwinterungsgebieten findet am Nest durch die Klapperzeremonie statt. Mit leicht gelüfteten und locker hängenden Flügeln und aufgerichtetem Schwanz wird der Kopf vor- und zurückgeworfen. Die Begattung findet schon wenige Stunden nach dem Eintreffen am Nest statt. Das Männchen steigt hierzu auf den Rücken des Weibchens. Flügelschlagen hält es Gleichgewicht und führt die Kopula aus. Sobald künftig ein Partner zum Nest kommt, wird ausgiebig geklappert. In der Zeit von März bis Juni findet eine Jahresbrut statt. Gegenüber fremden Artgenossen findet mit pumpenden Flügelbewegungen ein Abwehrklappern oder Zischen statt. Horst
Beide sind mit dem Bau bzw. Ausbau des Horstes beschäftigt. Das Männchen besorgt das Material welches aus ästen, Reisig und Polstermaterial besteht und übergibt es dem Weibchen zum Verbauen. Da Jahr für Jahr am Horst gebaut wird, kann es sehr umfangreich werden. Es wurden schon Maße von bis zu 2 Meter Durchmesser und 2 ½ Meter Höhe, sowie ein Gewicht von fast einer Tonne ermittelt. Der Horst wird gegen Artgenossen streng verteidigt und es hat schon mit fremden Besetzern oft heftige Kämpfe gegeben. Ei, Gelege
Das Gelege besteht aus 3 bis 5 weißen Eiern, von denen jedes etwa 110 Gramm schwer ist. Beide Partnern bebrüten das Gelege 33 bis 34 Tage. Da die Eier im 2- bis 3tägigen Abstand gelegt werden, schlüpfen die Nesthocker entsprechend, so dass immer ein Nesthäkchen im Nest ist. Dieses kann bei Nahrungsmangel oder Krankheit sterben. Es wird dann, wenn es noch nicht zu groß ist, von einem Elternteil verschluckt. Zuweilen, kommt es auch vor, dass ein Altvogel ein Junges tötet. Nach dem Göttervater Kronos, welcher seine Kinder getötet und verzehrt hat, nennt man diese Erscheinung Kronismus. Schlupf, Aufzucht
Die etwa 80 Gramm wiegenden Jungen tragen ein weißes Dunenkleid und öffnen nach ein paar Stunden die Augen. Schnabel und Beine sind dunkel gefärbt. Das sie echte Störche sind merkt man am klappern mit dem kleinen Schnabel. Da sie sehr schutzbedürftig sind, werden sie nicht nur von einem Altvogel bewacht, sondern auch gegen Regen, Kälte und Hitze beschützt. Nach der Fütterung und Tränkung, sie erfolgt durch beide Elternteile, wird der Kot rückwärts über den Horstrand gespritzt. Bei drohender Gefahr durch Greifvögel, manchmal kann auch das Erscheinen eines Elternteils oder auch eines Beringers, sie in Akinese fallen lassen. Mit 53 bis 55 Tagen verlassen die Jungen den Horst. Sie werden aber noch 14 Tage von den Eltern gefüttert. Sie treten nun in ihre gefährlichste Lebensphase. Anfang August brechen sie schon vor den Alttieren in die Winterquartiere auf um größtenteils erst im 2. bis 3. Lebensjahr zurückzukommen. Ernährung
Früher bestand ja die Hauptnahrung unseres Weißstorches aus Fröschen die immer spärlicher wurden, so dass er sich umstellen musste auf Regenwürmer, Heuschrecken, Raupen und Kleinnagern. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass ihm die nachgesagte Mär »Vogeleier-, Küken- und Junghasenräuber« zu sein, nicht stimmt. Ausklang
Der Weißstorch war schon 1984 und 1994 »Vogel des Jahres« weil seine Populationen seit Jahrzehnten rückläufig waren. Als Beispiel hier Zahlen von Deutschland: Von ca. 5000 Brutpaaren 1958 sind heute nur noch ca. 3000 Brutpaare vorhanden, also ein Rückgang von 40 Prozent. Hiervon leben etwa in den alten Bundesländern 550 Brutpaare und 2450 Brutpaare in den neuen Bundesländern. Wollen wir hoffen, dass die Zuchterfolge in Menschenobhut und nach ihrem Selbständigwerden das Auswildern ausreicht um die Populationen zu erhalten. Erfolge haben sich ja schon gezeigt. Systematik Ordnung: Ciconiiformes Schreitvögel Unterordnung: Ciconiae Storchvögel Familie: Ciconiidae Störche Gattung: Ciconia Briss., 1760 Eigentliche Störche Art: Ciconia ciconia (L., 1758) WEISSTORCH Unterarten: Ciconia, asiatica Literatur CREUTZ (1985): Der Weißstorch, Wittenberg. GIEBING, M. (1994): Der Weißstorch, Kanarienfreund, H. 2/41. GIEBING, M. (1999): Unsere heimischen Störche, Geflügel-Börse, H. 8:16. SCHULZ, H. (1984): Der Weißstorch, NABU-Prospekt. MELL (1951): Der Weißstorch, Wittenberg. STEINBACHER (1984): Der Weißstorch, Gef. Welt 108:57. THIEN, H. (1991): Nicht im Aufwind: Weißstörche, Geflügel-Börse, H. 4:14. WAGNER, U. (1989): Schwarze Zukunft für den weißen Storch, Geflügel-Börse, H. 12:10. WASSMANN (1984): Der Weißstorch, Die Voliere 7:29. WOLTERS, (1975-1982): Die Vogelarten der Erde, Berlin. © Text: Manfred Giebing, Fotos: Jürgen Giebing www.dievoegeleuropas.de |